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(15.12.2020) Titanrahmen für Fahrräder gibt es bei vielen Anbietern: Teure handgemachte Rahmen und Teile z.B. aus den USA (Moots, Seven u.a.) oder aus Italien (Rewel) oder aus Deutschland (Agresti, wheeldan). Bei Moots zum Beispiel kriegt man für sein Geld aber eine lebenslange Garantie. Und dann gibt es deutlich preiswertere Rahmen und Teile aus China, über deren Qualität man sich durchaus streiten kann. Und dann gibt es noch Angebote wie z.B. von Vigmos, einer Firma aus Dresden, die auch recht teuer sind, bei denen mam aber keine lebenslange Gerantie bekommt.

Titan Rahmen Moots YBBWoher stammen die Rahmen und Titanteile (wie Gabeln und Vorbauten) von Vigmos? Vigmos wirbt mit "individuellem Fahrradbau" und mit "...haben wir uns auf die Sonderanfertigung im Titanbereich spezialisiert" und "Unsere Produkte sind HAND MADE" "Wir sind auf die Entwicklung und Anfertigung von maßgefertigten Sonderteilen wie Laufräder, Titananbauteile, Titangabeln und -Rahmen spezialisiert" etc.

Titan Rahmen OraDie bei Vigmos angebotenen Teile und Rahmen ähneln aber solchen, die man z.B. auf aliexpress.com, einer chinesischen Handelsplattform, findet. Das ist mir aufgefallen als ich (ich habe selbst mittlerweile vier Fahrräder aus Titan) nach einem Titanrahmen und einer Titangabel suchte. Stammen die Titanteile von Vigmos aus China?

Ich habe bei Vigmos angefragt, woher die Titanteile stammen. Vigmos teilte mit, ein Teil der Produkte werde in Deutschland gefertigt und ein Teil in Asien. Jeder Rahmen und jede Gabel werde für den Kunden von Vigmos entwickelt. Da die Beratung, Konzeption, Konstruktion, Laufradbau und der Zusammenbau in Deutschland erfolge und Teile in Deutschland gefertigt würden, weiche die Unternehmensbeschreibung von Vigmos nicht von denen ab, die vollständig in Asien oder Russland fertigen lassen. Auch hätte Vigmos keinen Einfluß darauf, wenn ihre Konzepte billig kopiert würden. Patentschutz habe nicht international durchgesetzt werden können.

Ich habe dann nachgefragt: Welche Titanteile produziert Vigmos denn selbst?

Eine konkrete Antwort auf diese Frage habe ich nicht erhalten. Vigmos verwies erneut darauf, dass sie Rahmen und Gabeln "konzipierten". Und keiner der Kunden sei unzufrieden oder beschwere sich, weil diesen klar ist, dass Apple, Google und Schwalbe auch in Asien fertigten, und dieses Klientel wisse auch, dass es auf die Partner, das Qualitätsmanagement und den Kundenservice ankomme.

Ich bin da anderer Meinung: Auf einem Apple-IPhone SE steht klar "Designed in Aspen/California/Assembled in China". Diesen Hinweis finde ich bei Vigmos nicht. Ich finde, Vigmos verkauft Titanrahmen, die in China 2.800 USD kosten, für EUR 5.499 in Deutschland (oder einen Flaschenhalter, der in China 14 USD kostet, für 99 EUR). Und dabei wird mir auf der Firmenwebsite der Eindruck vermittelt, als sei das in Deutschland gefertigt ("wir haben uns auf die Sonderanfertigung im Titanbereich spezialisiert"). Tatsächlich kann jeder, der sich einen Titanrahmen aus China kaufen will, diesen individuell auf seine Größe und seine Sonderwünsche anpassen lassen, sprich "konzipieren". Der deutsche Kunde kann auch die Oberflächenbehandlung (poliert, kugelgestrahlt etc.) bestimmen

Ich hatte mit einem Mann aus Norddeutschland Kontakt, der eine Titangabel für 700 EUR bei Vigmos gekauft hat in dem Glauben, ein Produkt "made in Germany" zu erwerben - und erst nach dem Kauf merkte, dass er eine sehr ähnliche Gabel für die Hälfte in China kaufen könnte. Trotz Beschwerde bei Vigmos habe er aber sein Geld nicht zurück bekommen.Titan Rahmen Moots YBB Ausfallende

Ich finde, man sollte den Kunden nicht den Eindruck vermitteln, man fertige etwas in Deutschland selbst, wenn es ganz woanders, nämlich in Asien, hergestellt wird. Ich finde, Vigmos stellt das mißverständlich dar. Auch die Firma Kocmo aus Deutschland bietet Titanrahmen und Titanteile aus ausländischer (russischer) Fertigung an, stellt aber auf seiner website zumindest Bezüge zu Russland her ("Russische U-Boot Ingenieure und deutsche Fahrradbauer").

Steuerrohr Titanrahmen OraIch habe Vigmos auch gefragt, ob sie mir zeigen könnten, wie in China von Vigmos entwickelte Konzepte kopiert worden wären. Eine Antwort darauf erhielt ich nicht. Meiner Meinung nach haben nicht Chinesen Konzepte von Vigmos kopiert, sondern Vigmos verkauft in China hergestellte (und dort von Chinesen konzipierte) Titanteile, teilweise nach Kundenvorgaben (z.B. bei Rahmen) unter dem Label "Vigmos".  

Ich habe mir dann schließlich einen Rahmen aus Russland gekauft von Kocmo. Die Russen haben, ebenso wie die Amerikaner, aus der Luft- und Raumfahrtindustrie eine jahrzehntelange Erfahrung mit der sehr schwierigen und fehlerträchtigen Verarbeitung von Titan. Da weiss man, was man hat. Ich habe auch noch einen Rahmen von Moots (YBB), einen von Sandvik (Rohre aus Schweden, gefertigt in USA ca. 1990) und einen von Ora (made in Taiwan). Einen Titanrahmen aus China würde ich persönlich nicht kaufen. Denn Titanrahmen aus China bekommt man bereits ab ca. 800 EUR. Welche Fertigungsstandards in China gelten, ist unklar. Bei derart niedrigen Preisen ist mir die Fertigungsqualität zu zweifelhaft. 

Hintergrund:

Warum ist Titan eigentlich so schwer zu verarbeiten? Und warum sind gute Titanrahmen so teuer? Zuersteinmal sind hochwertige nahtlos gezogene Titanrohre sehr teuer, viel teurer als solche aus Stahl oder Aluminium. Zudem ist Titan sehr zäh und schwer zu schneiden und zu biegen. Die Werkzeuge verschleißen schnell. Dann müssen die Titanrohre und Titanteile (wie z.B. Zuganschläge, Ausfallenden) absolut sauber sein vor dem Verschweißen - jeder Fingerabdruck und jeder Tropfen Fett an einer Nahtstelle verdirbt die Naht. Beim anschließenden Schweißen darf auch kein Sauerstoff an die Naht kommen, sonst versprödet (oxidiert) die Naht und hält nicht. Deshalb werden Titanteile unter Schutzgasatmosphäre geschweißt (Argon), was die Kosten enorm in die Höhe treibt. Dabei ist es sehr schwierig, das Innere der Rohre frei von Sauerstoff zu kriegen (billigere Titanrahmen reißen daher gern an diesen Stellen, wo man den Sauerstoff schlecht weggeblasen bekommt wie zum Beispiel am unteren Ende des Sitzrohres). Ein so angerissener Titanrahmen ist nicht mehr reparierbar und muss weggeworfen werden.

Schließlich schweißen zum Beispiel die Jungs von Moots die Rahmennähte drei Mal: ein erstes Mal mit einer Haltenaht, die die Rohre aneinander fixieren, dann mit einer zweiten Naht und schließlich mit einer dritten Naht. Deshalb sind die Rahmen von Moots extrem teuer (ab ca. 3.800 US-Dollar), weshalb ich mir mein 2013er Moots YBB gebraucht gekauft habe. Das Rad läuft wirklich erstklassig. Auch mit meinen anderen Rahmen habe ich nie Probleme gehabt. Ich fahre jetzt Titanrahmen seit ca. 1996 und ich werde nie was anderes fahren. Wenn die Qualität stimmt, hat man Titanteile fürs Leben gekauft.