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Neugeborene sind besonders anfällig nach der Geburt(25.11.2021) Wird eine Mutter in einer Klinik direkt nach erfolgreicher Geburt mit ihrem neugeborenen Kind in ihrem Zimmer allein gelassen, um den Aufbau der Mutter-Kind-Bindung zu ermöglichen (sog. Bonding), so muss die Mutter dort eine Notrufklingel zur Verfügung stehen, damit sie bei Komplikationen schnell die Hebamme oder einen Arzt hinzurufen kann. Hat sie dagegen keine solche Klingel an ihrem Bett und kommt es zu Atemschwierigkeiten bei dem Kind, so haftet die Klinik für einen sich in Folge der Sauerstoffunterversorgung entwickelnden Hirnschaden des Kindes, weil das Fehlen einer solchen Klingel einen groben Behandlungsfehler darstellt (Oberlandesgericht Celle, Urteil vom 20.9.2021 - 1 U 31/20).   

Der Fall: 

Nach erfolgreicher Geburt in einer Klinik ließ die Hebamme Mutter und ihren Sohn (den späteren Kläger) in dem Zimmer der Mutter allein, damit ein Bonding zwischen Mutter und Kind erfolgen kann. Die Mutter hatte den Eindruck, das etwas nicht stimme, denn das Kind sei zu ruhig. Sie wollte daher die Hebamme herbeirufen. Allerdings hatte sie keine Notriufklingel an ihrem Bett. Die Mutter war nach der Geburt nicht in der Lage, das Bett zu verlassen, und eine Hebamme herbeizuholen. Die Hebamme erschien erst 15 Minuten später in dem Zimmer von Mutter und Kind. Das Kind litt unter Atemschwierigkeiten. Die Hebamme rief umgehend einen Arzt hinzu. Trotz sofortiger Reanimation des Kindes hatte der Kläger aber einen Hirnschaden erlitten. 

Das Landgericht Hannover gab nach Befragung eines medizinischen Sachverständigen der Arzthaftungsklage des Kindes dem Grunde nach statt: Die Klinik und die Hebamme hätten grob fehlerhaft gehandelt, weil sich keine Klingel am Bett der Mutter befunden hat. 

Dagegen ging die Klinik in Berufung. 

Die Entscheidung:

Das Oberlandesgericht Celle wies die Berufung der Klinik als unbegründet zurück und bestätigte das Urteil des Landgerichts. Die Klinik müsse die Mutter in dieser Phase der zweiten Lebensstunde des Babys die Möglichkeit geben, eine Hebamme beispielsweise mit einer Klingel zu alarmieren, ohne aus ihrem Bett aufzustehen. Denn die Mutter sei in dieser Phase nicht stets in der Lage, selbstständig das Bett zu verlassen, um Hilfe zu holen. Für das OLG Celle war es schlechterdings nicht mehr nachvollziehbar, dass eine solche Alarmierungsmöglichkeit hier fehlte. Daher bestätigte das OLG Celle einen groben Behandlungsfehler. Infolge des groben Behandlungsfehlers komme es zu einer Beweislastumkehr zu Gunsten des Klägers. Das Krankenhaus und die Hebamme hafteten dem Kläger deshalb auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, auch wenn nicht mit letzter Sicherheit festgestellt werden könne, dass eine frühere Alarmierung die Hirnschädigung tatsächlich verhindert hätte oder diese geringer ausgefallen wäre.

Praxisanmerkung:

Das Neugeborene ist in der Phase unmittelbar nach der Geburt besonders verletzlich, weil es seine Fähigkeit zur Atmung gerade erst erlangt hat und sich diese Atmungstätigkeit noch verfestigen muss. In der Frühphase nach der Geburt kann es daher durchaus zu Atemschwierigkeiten des Neugeborenen kommen (sog. "Fast-Kindstod"). Diese Atemschwierigkeiten führen, wenn sie nicht sogleich medizinisch behandelt werden, binnen kurzer Zeit zu einer Sauerstoffunterversorgung des Neugeborenen, die zu schweren Hirnschäden oder sogar zum Tod führen kann (sog. Geburtsschaden). Es ist üblich, dass das Neugeborene der Mutter unmittelbar nach der Geburt auf die Brust gelegt wird, damit sich das Neugeborene dort von dem Stress der Geburt beruhigen und eine gesunde Bindung zu seiner Mutter aufbauen kann. Bei diesem Bonding-Prozess verlassen die Hebamme oder behandelnde Ärzte das Zimmer der Mutter, um beiden Ruhe und vor allem Zeit für den Aufbau dieser wichtigen Bindung zu geben. Nach der Geburt können Mütter wegen der Folgen des Geburtsvorganges (körperlicher Entkräftigung und gegebenefalls Wunden nach der Geburt) oft aber nicht selbständig aufstehen, zumal sie ja auch das Neugeborene auf der Brust tragen. Mütter müssen daher schnell Klinikpersonal in der unmittelbaren Nähe oder mittels einer Gegensprechanlage oder einer Klingel weiter entferntes Personal herbeirufen können. Da diese Möglichkeit hier fehlte, ist es richtig, die Klinik und die Hebamme hier in die Haftung zu nehmen. Diese Entscheidung des OLG Celle bewegt sich damit auf der Linie der herrschenden Rechtsprechung.

Es ist der für alle sicherste Weg, wenn die Klinik sicherstellt, dass sich eine funktionierende Notrufklingel entweder direkt am Kopfende des Betts der Mutter befindet oder zumindest auf dem direkt am Bett stehenden Beistelltisch liegt, so dass die Mutter diese Klingel ohne Mühe erreichen kann. Das Personal sollte sicherheitshalber die Funktion dieser Klingel kontroillieren, bevor es den Raum der Mutter verläßt. Die Klinik hat sicher zu stellen, dass das Rufsignal nicht nur ein sog. Zimmerlicht aktiviert, sondern das Signal direkt auf die Funktelefone lder Hebamme und der Krankenschwestern der Station übertragen wird. Dieses Procedere sollte als sog. Standard Operating Procedure (SOP) eingeführt und regelmäßig kontrolliert werden. Diese SOP ist vom Chefarzt als Dienstanweisung zu verschriftlichen und allen Mitarbeitern auf der Statioin und den Hebammen auszuhändigen.