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Geburtshilfe Kind in Klinik(12.12.2022) Der Einsatz von Cytotec in der Geburtshilfe zur Einleitung der Geburt ist nach der Zulassung des Medikaments Angusta in der Geburtshilfe in der Regel fehlerhaft, wie Prütting und Wolk in einer aktuellen Übersicht herausgearbeitet haben (Prütting/Wolk, Arzthaftungsrechtliche Konsequenzen des Einsatzes von Cytotec® im Rahmen der Geburtseinleitung in Gesundheitsrecht 2022, 749-762). Mit der Zulassung von Angusta kommt damit eine intensiv geführte Debatte zu der Anwendbarkeit von Cytotec im sog. Off-Label Use zu einem Abschluß. Daraus ergeben sich konkrete Handlungsempfehlungen für Ärzte in der klnischen Geburtshilfe. 

Die Autoren arbeiten heraus, dass die Fachgesellschaft und die Arzneimittelkommission hingewiesen haben auf das Überdosierungsrisiko und die Probleme bei der Stückelung von Cytotec-Tabletten und dass es dadurch zu Überdosierungen gekommen sei. Angusta biete insofern eine bessere und sicherere Dosierbarkeit. Bei voroperierter Gebärmutter (etwa durch Kaiserschnitt, Entfernung von Myomen oder Endometriose) sei das Risiko einer Uterusruptur nach Einnahme von Cytotec deutlich erhöht. Die Autoren stellen im Einzelnen dar, unter welchen Voraussetzungen ein Einsatz von Cytotec im Off-Label Use rechtmäßig ist, wobei sie insbesondere auf die notwendige Risiko-Nutzen-Abwägung des Arztes hinweisen.

Die Autoren kommen zu dem Schluß, dass Cytotec nicht mehr anzuwenden sei, wenn - wie es seit September 2021 mit dem Prärarat Angusta der Fall ist - ein in der Geburtshilfe zugelassenes Analogpräparat zur Vefügung stehe. Grund seien die Positionierungs- und Dosierungsprobleme der Cytotec-Tabletten, die zu ungewollten Überdosierungen geführt hätten. Daher raten die Autoren von der aktuellen Anwendung von Cytotec ab. 

Praxisanmerkung:

Den Autoren ist zuzustimmen. Ärzten ist im Jahr 2022 von der Anwendung von Cytotec in der Geburtshilfe abzuraten. Schon vorher war die Verwendung von Cytotec zweifelhaft. Angusta zu verwenden ist nun der für Ärzte sicherste Weg. Altbestände an von Krankenhausapotheken umgearbeiteten Cytotec-Kapseln sollten nicht mehr verwendet werden, da jetzt mit Angusta ein zugelassenes Medikament verfügbar ist.

Ob die frühere Anwendung von Cytotec behandlungsfehlerhaft war und eine geschädigte Mutter von der Behandlungsseite Schadensersatz und Schmerzensgeld fordern kann, ist jeweils im Einzelfall zu prüfen. Dazu ist ein medizinisches Sachverstäbndigengutachten erforderlich. Keinesfalls ist es nun so, dass jede Anwendung von Cytotec in der Geburtshilfe vor Zulassung von Angusta immer einen Behandlungsfehler darstellt. Mutter und Kind, die von der Anwendung von Cytotec betroffen sind, können den Fall für sie kostenlos von dem Medizinischen Dienst der (gesetzlichen) Krankenkassen (MDK) überprüfen lassen um festzustellen, ob die konkrete Anwendung von Cytotec behandlungsfehlerhaft war. Daneben kommen auch Schadensersatz- und Schmerzensgeldansprüche wegen Aufklärungsfehlern in Betracht, wie eine Entscheidung des Landgerichts Berlin aus dem Jahr 2020 zeigt (LG Berlin, Gerichtsbescheid vom 2. Juli 2020 – 6 O 425/12).