Zahnarztpraxis(13.6.2024) Fachliche Aussagen eines Arztes im Rahmen eines medizinischen Gutachtens stellen keine Verletzung der Berufspflicht zum kollegialen Verhalten dar, wenn sie sachlich sind (BayObLG, Beschluss vom 14.02.2024 – 301 LBG-Z 1/23).

Der Fall:

Patienten eines Zahnarztes hatten sich über dessen behandlung sowie über vermeintlich überhöhte und fehlerhafte Abrechnungen eines Zahnarztes beschwert. Um zu überprüfen, ob die Rechnungen zu bezahlen sind, beauftragte die Krankenversicherung der Patienten den beklagten Zahnarzt, ein schriftliches Gutachten über die abgerechneten Leistungen zu erstellen. Was der Gutachter dann über die abgerechneten Leistungen schrieb, mißfiel dem behandelnden Zahnarzt. Er sah sich unkollegial behandelt. Er beschwerte sich deshalb und verlangte ein berufsgerichtliches Einschreiten gegen den Gutachter.

Das Gericht hatte nun zu beurteilen, ob sich der beklagte Zahnarzt unkollegial verhalten hatte, indem er bei einer schriftlichen Begutachtung für eine Krankenversicherung folgende Aussagen traf:

  • die Rechnungen des Behandlers seien wegen sachlicher Fehler „ungültig“
  • Bei den Fehlern in der Rechnungen des begutachteten Arztes handele es sich nicht mehr um reine Flüchtigkeitsfehler
  • die Rechnungsstellung sei für den Patienten unzumutbar intransparent und befremdlich
  • diverse Abrechnungspositionen identischer Behandlungstage unchronologisch jeweils in drei separat erstellten Rechnungen aufgeführt und dem Patienten gegenüber doppelt abgerechnet
  • eine Vielzahl von Positionen fachlich zu Unrecht zu Lasten des Patienten in die Rechnungen eingestellt
  • Beschleifung der fünf Frontzähne der damals 20-jährigen Patientin zu Kronenstümpfen und deren angeschlossene langzeitprovisorische Versorgung seien nicht medizinisch indiziert gewesen
  • Behandlung eines älteren Patienten sei ein einem Fall "riskant" gewesen
  • Im Telefongespräch mit einer betroffenen Patientin informierte der begutachtende Arzt die Patientin über die in seinem Gutachten festgestellten Behandlungsfehler
  • Die vom Behandler geplante Therapie würde bei der Patientin zu grundlegenden Problemen führen
  • es irritiere ihn sehr, dass dem Behandler der aktuelle Standard der Funktionslehre offenbar nicht bekannt sei, obgleich dieser in diesem Fachgebiet arbeite
  • das Verhalten des Behandlers sei „unverständlich“, „oberflächlich“, „wenig glaubhaft“, „verwirrend“, „nicht nachvollziehbar“ und „fehlerhaft“

Die Entscheidung:

Das Gericht sah diese Aussagen nicht als (verbotene) unkollegiale Äußerung im Sinne des § 8 Absatz 1  der Berufsordnung für Zahnärzte in Bayern an ("Der Zahnarzt hat gegenüber allen Berufsangehörigen jederzeit kollegiales Verhalten zu zeigen"). Das Gericht lehnte daher die Einleitung eines berufsgerichtlichen Verfahrens ab. 

Maßgeblich war dabei für das Gericht, dass der begutachtende Arzt die verfahrensgegenständlichen Formulierungen jeweils im Rahmen der Erstattung von Gutachten, sprich in einem fachlichen Kontext verwendete, um die nach seiner Ansicht folgenschweren Behandlungsfehler und die eingeschliffenen Rechnungsstellungsfehler von Kollegen zu unterstreichen. Zu berücksichtigen war auch, dass der Behandler die ihm vorgeworfenen Fehler nicht in Abrede stellte und dass das Gutachten dann diese Fehler aus Sicht des Gutachters auf aufdeckte. Aus Sicht des Gerichts hatte der begutachtende Arzt mit seinen Äußerungen auch nicht die Grenze zur unsachlichen (schmähenden) Kritik überschritten. Daher sah das Gericht die Meinungsäußerungsfreiheit des begutachtenden Arztes hier als vorrangig an gegenüber der allgemeinen Berufspflicht des kollegialen Verhaltens. 

Praxisanmerkung:

Die Entscheidung ist zu begrüßen. Würde man die Begutachtungsergebnisse als unkollegial ansehen, könnten solche Begutachtungen nicht mehr erfolgen. Versicherungen und die Justiz sind aber in erheblichem Maße auf den Sachverstand der Gutachter angewiesen. 

Medizinische Gutachter sollten sicherheitshalber einige Grundregeln beachten, um den Vorwurf des unkollegialen Verhaltens oder gar der Befangenheit zu vermeiden:

  • Gutachter in einem Gerichtsverfahren sollten bei Unklarheiten, was sie schreiben können und was sie weglassen können oder sollen, im Zweifel den berichterstattenden Richter anrufen und fragen, zum Beispiel welcher Sachverhalt zu Grunde gelegt werden soll (dabei sollten aber keinesfalls medizinische Fragen besprochen werden!) oder wen der Sachverständige wie zu einer Ortsbesichtigung/Untersuchung einladen muss.
  • Wer schon ein Privatgutachten in einem Verfahren gegen einen Arzt erstellt hat, sollte eine Beauftragung für ein Gerichtsgutachten ablehnen, weil ihm dann Befangenheit droht. 
  • Allzu pointierte Wertungen oder gar Angriffe gegen den begutachteten Arzt sollte der Gutachter vermeiden.
  • Greift der begutachtete Arzt den Gutachter in einer Stellungnahme an, so sollte der Gutachter auf solche Angriffe rein sachlich reagieren und sich keinesfalls provozieren lassen.
  • Der medizinische Gutachter darf die ärztlichen Behandlungsunterlagen nicht einseitig auswerten.
  • Er sollte die vollständigen Unterlagen berücksichtigen und nicht etwa einzelne Dokumente schlicht unberücksichtigt lassen.
  • Der Gutachter sollte auch der Beantwortung von Beweisfragen nicht ausweichen.

English version:

(June 13, 2024) Professional statements made by a doctor as part of a medical report do not constitute a violation of the professional duty to behave in a collegial manner if they are factual (BayObLG, decision of February 14, 2024 - 301 LBG-Z 1/23).

The case:

Patients of a dentist had complained about his treatment and about allegedly excessive and incorrect billing by a dentist. In order to check whether the bills should be paid, the patients' health insurance commissioned the defendant dentist to prepare a written report on the services billed. What the expert then wrote about the services billed displeased the treating dentist. He felt he was being treated uncollegially. He therefore complained and demanded that the professional court take action against the expert.

The court now had to assess whether the defendant dentist had behaved in an uncollegial manner by making the following statements in a written assessment for a health insurance company:

  • the practitioner's invoices were "invalid" due to factual errors
  • the errors in the invoices of the assessed doctor were no longer mere careless mistakes
  • the billing was unreasonably non-transparent and strange for the patient
  • various billing items for identical treatment days were listed out of chronology in three separate invoices and the patient was billed twice
  • a large number of items were wrongly included in the invoices at the patient's expense
  • grinding the five front teeth of the then 20-year-old patient to create crown stumps and the associated long-term provisional treatment were not medically indicated
  • treating an elderly patient was "risky" in one case
  • in a telephone conversation with an affected patient, the assessing doctor informed the patient of the treatment errors identified in his report
  • the treatment items made by the practitioner planned therapy would lead to fundamental problems for the patient
  • he was very irritated that the practitioner was apparently not aware of the current standard of functional theory, although he worked in this field
  • the practitioner's behavior was "incomprehensible", "superficial", "not very credible", "confusing", "incomprehensible" and "incorrect"

The decision:

The court did not see these statements as (prohibited) uncollegial statements within the meaning of Section 8 Paragraph 1 of the Professional Code for Dentists in Bavaria ("The dentist must show collegial behavior towards all members of the profession at all times"). The court therefore refused to initiate professional disciplinary proceedings.

The decisive factor for the court was that the assessing doctor used the formulations in question in the context of the preparation of reports, i.e. in a professional context, in order to underline what he considered to be serious treatment errors and ingrained billing errors by colleagues. It was also important to consider that the doctor did not deny the errors he was accused of and that the report then revealed these errors from the expert's point of view. From the court's point of view, the assessing doctor had not crossed the line into irrelevant (defamatory) criticism with his comments. The court therefore considered the assessing doctor's freedom of expression to be of priority over the general professional duty of collegial conduct.

Practical note:

The decision is to be welcomed. If the assessment results were viewed as uncollegial, such assessments could no longer be carried out. However, insurance companies and the judiciary are heavily dependent on the expertise of the assessors.

To be on the safe side, medical experts should observe a few basic rules to avoid accusations of uncollegial behavior or even bias:

  • If experts in court proceedings are unclear about what they can write and what they can or should leave out, they should call the judge who is reporting and ask, for example, which facts should be used as a basis (but medical questions should not be discussed!) or who the expert should invite to an on-site inspection/examination and how.
  • Anyone who has already prepared a private expert opinion in proceedings against a doctor should refuse to be commissioned to prepare a court expert opinion because they would then be at risk of bias.
  • The expert should avoid overly pointed assessments or even attacks against the doctor being assessed.
  • If the doctor being assessed attacks the expert in a statement, the expert should respond to such attacks in a purely objective manner and under no circumstances allow himself to be provoked.
  • The medical expert may not evaluate the medical treatment records one-sidedly.

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Medizinrecht Philip Christmann
Vertretung und Beratung im Medizinrecht und Arztrecht
Witzlebenstraße 3 - 14057 Berlin - Tel: (030) 536 47 749
E-mail: mail@christmann-law.de


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